Wir haben es nicht gewußt! Kollaboration in der Kirche anno 2010

Es war ihm wichtig, zu erwähnen, dass er noch immer Jesuit ist. Ich baute eine kleine Pause ein und dachte kurz darüber nach, woher es kam, dass ich niemals das Bedürfnis hatte, jemandem zu erzählen, dass ich Schriftsteller bin. Vielleicht ist mein Beruf weniger sakral, obwohl wir beide eine Berufung brauchen. Vielleicht liegen unsere Ausgangspunkte zu weit auseinander, er will schließlich Seelen retten, ich möchte das Herz berühren. Bedürfnisse können durchaus verschieden sein.

Als die Pause lange genug gedauert hatte, unterbrach ich die Leere, brachte das Nichts zurück zu einem Etwas und fragte, ob er damit ein Problem habe. Mit seinem Jesuiten-Dasein, das hatte glücklicherweise auch er sofort verstanden. „Immer mehr”, antwortete er fast im Flüsterton, „eigentlich immer mehr.” Ich war diese Demut nicht gewohnt, wollte ihm das auch verdeutlichen. Ich suche mir Gesprächspartner auf Augenhöhe, Unterwürfigkeit passt nicht zur Kirche.

Er war zehn Jahre jünger als ich, es hatte also Beichtstunden genug gegeben, um zu wissen, wie das Leben läuft, zufällig in dieser Stadt, zufällig an diesem Ort, an dem ich mich befand, obwohl Zufall in dieser Situation wahrscheinlich unwahrscheinlich ist.

Woran ich derzeit arbeite, fragte er, um eine zweite Stille zu vermeiden.

An Jesuiten, sagte ich frei von der Leber weg und ließ seinen Blick nicht los. Er errötete wie ein Dreizehnjähriger.

Er begriff sofort, was vor ihm lag, dass etwas Besonderes auf der handgeschriebenen Seite stand, es handelte schließlich auch ein wenig von ihm. Er betrachtete das große A4-Heft mit blauen Zeilen, die auf den Kopf gestellten Sätze. So sah auch er aus, so als wäre seine Welt ein wenig auf den Kopf gestellt, auf der Suche nach dem festen, blau vorgedruckten Leitfaden, an dem sich meine noch zögerlichen Sätze festklammerten, weil sie sonst verloren gehen würden. Rohfassung, das unvermeidliche Vorspiel. Wörter brauchen einen Kontext, sonst laufen sie Gefahr, schnell zu einem zusammengewürfelten Haufen Nichts abzurutschen, unten auf der Seite, bis jemand die mühsam zusammengetragene Aussage wie Krümeln vom Blatt fegt und unter der Bank verteilt, bis morgen die Putzfrau kommt.

Es fiel ihm schwer, ins Gespräch zu finden, das er in Gesellschaft eines zufälligen Landsmanns zu etwas zusammenfügen wollte, das Sinn ergibt. Sinnhaftigkeit ist für einen Jesuiten lebenswichtig, aber wenn irgendwie der Mut fehlt, die Leidenschaft gestorben ist, das Leben eher als Last denn als Lust empfunden wird, dann kommt ein Dialog nur mühsam in Gang. Wir gaben einander dennoch alle Chancen, und ich bestellte seinen zweiten Kaffee.

Ich beschloss, dann eben über Rik Torfs, den Professor für Kirchenrecht an der Katholieke Universiteit Leuven, zu sprechen. Torfs ist eine gute Eröffnung, selbst bei einem jungen Jesuiten, auch mit seinem aktuellen Buch (Wie gaat er dan de wereld redden?), dem ich noch die letzten achtzehn Seiten schuldig geblieben bin. Ich bemühte mich also um eine Eröffnung und sprach über die neue Kollaboration. Wie interessant es ist, dass Torfs Kollaboration neu definiert und versucht, diesem Wort eine Dimension zu geben, über die nachgedacht werden muss. Und dass ich meinte, dass er, sollte er das Buch heute noch einmal umschreiben, Kollaboration mit all den kirchlichen Machthabern in Zusammenhang bringen würde, die stillschweigend Missbrauchsfälle von der einen Pfarrgemeinde in die nächste, vom Kolleg in der Stadt in eine Kongregation auf dem Land verschoben. Weil dadurch das Problem verschoben und vielleicht alles wieder gut wird oder zumindest alles ruhig bleibt.

Worauf ich eigentlich hinaus wolle, fragte er unschuldiger als er wirkte. Ich versuchte, die Situation mithilfe eines Leserbriefs, den ich am selben Tag in einer Zeitung gefunden hatte, zu skizzieren: Ein Mann berichtete, dass ihm seine Liebste stets eine SMS schicke, bevor sie mit jemand anderem Sex hatte. „I love you“, stand jedes Mal darunter. Sie ging nicht davon aus, dass er wusste, wo oder mit wem sie den Abend verbrachte. Er wusste es aber. Sie bat in ihrer kurzen Nachricht schon im Voraus um Vergebung. Ob sich Priester vielleicht bekreuzigten, bevor sie sich vergingen? Ein schnelles Kreuz als Zeichen einer ebensolchen Vergebung im Voraus? Der Leserbrief kam nicht gut an, also kehrte ich zu meinem ursprünglichen Gedanken zurück. Dass in fast jedem Interview mit Verantwortlichen der kirchlichen Hierarchie zu lesen ist, dass der Interviewte vom systematischen Missbrauch in seiner Pfarre, seinem Kolleg, seinem Kloster, seiner Jugendorganisation oder einer anderen Form des ‚pädagogischen Zusammenseins’ nichts gewusst hätte. Und dass nicht nur die Ähnlichkeit mit der ‚Entschuldigung‘ von österreichischen und deutschen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg neuerliche Wut auslöst. Die Entrüstung ist umso größer, weil dieser anhaltende und unbestrafte, versteckte und verleugnete Missbrauch in Friedenszeiten von Priestern begangen wurde. Hier kam kein braun-diktatorischer Auftrag zum Genozid, hier geht es um eine neue Form der Kollaboration, dieses Mal gestützt auf Geheimhaltung und verlogenes Schweigen, Wegschauen und Schutz der eigenen Leute.

Als er weiterhin schwieg, nahm ich Torfs’ Buch zur Hand und las ihm eine Passage daraus vor:

„Das Merkwürdige und vielleicht auch Schreckliche an der Kollaboration ist, dass man nichts tun muss, um furchtbare Fehler zu begehen. Einfach mitmachen, ausführen, Gehorsamkeit bis ins kleinste Detail genügt. Der Kollaborateur (…) rutscht geräuschlos in die Kriminalität ab, indem er nichts macht. (…) Wer nicht kollaborieren will und gleichzeigt nicht den Mut hat, Widerstand zu leisten, kann natürlich nach Fluchtwegen suchen. Aber das ist nun genau das Problem: Flüchten, die Suche nach dem Windschatten, die Entscheidung für strikte Neutralität, das bewusste Nicht-wissen-Wollen ist eine Haltung, die man in einer demokratischen Gesellschaft in Friedenszeiten möglicherweise noch durchgehen lassen kann, aber nicht in Zeiten von Grausamkeit und einer Verletzung von allem, was menschlich ist. (…) Ab wann wird das Nichtwissen zu Schuld, wann wird es zur Kollaboration?”

Er nippte an seinem Cappuccino und ließ mich nicht aus den Augen, solange ich selbst auf das Blatt schaute. Ich sah auch, dass er ständig nickte, als ob er in dieser Bewegung hängengeblieben wäre. Ein Schriftsteller sieht das, der hat ein drittes Auge für den Leser, der weiß, wann jemand an seinen Lippen hängt, auch wenn er die Geschichte eines anderen vorträgt. Ich hatte das Gefühl, dass er wusste, worauf ich hinaus wollte, er kannte Torfs, er hatte denselben Text gelesen, jedoch ohne zu meiner Schlussfolgerung zu kommen. Ein Jesuit lässt sich nicht lenken, dachte ich, und dann schwindet das Bedürfnis, dies zu versuchen, genauso schnell wie die Notwendigkeit, mit ihm über etwas zu diskutieren. Was zu nahe an die Haut geht, wird abgeschüttelt. ‚IHS‘. Ein Logo, ‚a brand’, ein Zeichen, das für irgendetwas steht, sonst hätten sie es nicht erfunden. Ein Zeichen, das inzwischen für viele zu einer Brandmarkung geworden ist, und es war diese Scheu, mit ihm darüber zu sprechen, die der Stille zugrunde lag. Aber ich hatte Zeit und er war in Not. Schicksalsgenossen unter sich. Und beide mit Respekt vor Torfs, obwohl der Professor niemals vermuten hätte können, dass ein frischer Text aus dem Jahr 2009 so treffend für die gar nicht frische Kirche im Jahr 2010 sein würde, wie mein zufälliger Gesprächspartner Wort um Wort entdeckte.

Ich sagte ihm, dass jeder derzeit auf der Suche ist nach dem kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat, geschlossenen Gemeinschaften, der Zeit zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, patriarchalen Erziehungssystemen und Geistlichen einerseits und allem, was seit mehr als ein paar Monaten die Zeitungen füllt andererseits. Zuerst in den USA, dann in Irland, danach in Deutschland und nun in Österreich. Es scheint kein Ende in Sicht, darüber waren wir uns einig. Missbrauch vermittelt uns ein unbehagliches Gefühl, wir haben noch keine angemessene Haltung gefunden, zuerst kommt die Empörung, dann das Gefühl der Übelkeit, danach die Wut, dann der Hass. Zu viel Haltung würde auf Verständnis hindeuten, und das ist in dieser Phase des Faktensammelns wenn schon nicht unangebracht, so doch zu früh. Prozesse haben ihren eigenen Ablauf.

Er hatte keine Antwort auf meine Frage, warum in Flandern noch nicht die Hölle los ist. Warum die Zeitungen nur über das Ausland berichten und sich nicht auf die Suche danach machen, was im eigenen Land geschehen sein könnte. Oder sind wir wirklich so anders?

Er hatte keine Meinung, als ich einigermaßen gemein fragte, ob die Muttermilch in Flandern etwas reiner ist. Ob wir unsere Kinder anders erziehen, ob unsere Eltern wachsamer und misstrauischer waren, was hinter den geschlossenen Türen unserer Schule im Gange war, und dadurch diese Schmach an uns vorüberging. Oder sind wir besser im Verdrängen? Sind unsere Priester besser ausgebildet, empfand er sich selbst als besser vorbereitet auf seine Aufgabe, war er mehr im Reinen mit seiner eigenen Sexualität als seine ausländischen Brüder? Wählt die Kirche in Flandern nur nachweisliche Nicht-Kinderschänderkandidaten aus oder sind wir so erzogen, dass niemand von uns jemals darüber sprechen wird? Weil wir das Privileg hatten, zu studieren, Teil der katholischen Elite zu sein, von der jedes Jahr aufs Neue bewiesen wurde, dass sie an der Universität die besten Chancen hatte?

Wollen wir unsere flämische Elite nicht ins Gerede bringen? Die lange Liste ehemaliger Studenten, die diese überragende Erziehung genossen und dank des einen oder anderen Kollegen heute wie Koniferen in unserer Gesellschaft glänzen?

Mein zufälliger Gesprächspartner fand es ungerecht, dass sich die ganze Berichterstattung rein auf die Kirche konzentriert. Dass außerhalb der Organisationen der Kirche mindestens genauso viele – wenn nicht noch mehr – Kindesmisshandlungen und genauso viel sexueller Missbrauch von Jugendlichen stattfand. Eine Technik wie die andere. Sagen, dass das Verbrechen auch von anderen begangen wird, verringert natürlich das Gewicht des Verbrechens nicht, aber was kann er anderes sagen? Wer kann mit den Informationen in irgendeiner Form rational umgehen? Die Opferrolle, in die er zu schlüpfen versuchte, die Berufung darauf, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, ist typisch und hilft manchmal, aber in diesem Fall war es eine feige Verdrehung der Realität. „Andere auch!” „Wir sind nicht allein.” Sie stehen tatsächlich mit ihrem Problem nicht allein da. Als ich ihm das mit vielen Worten sagte, mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Offenheit, und hinzufügte, dass es trotz seines Arguments doch noch einen Unterschied gab, ließ er sich hilflos zurücksinken und trank sein Glas Wasser aus.

Der Unterschied muss in der besonderen Rolle gesucht werden, die die Diener Gottes – also auch er – sich selbst zugewiesen haben. In der moralischen Instanz, der heiligen Mission, die die Kirche seit Jahrhunderten für sich beansprucht, im gesellschaftlichen Status der Priester und Erzieher, in der fast allgemeinen Immunität, die sie aufrechtzuerhalten versuchen. Die Kirche ist dabei nicht nur Täter, sondern krallt sich auch daran fest, Zeuge und Richter zugleich zu sein. Die Kirche hatte ein bis vor Kurzem hermetisch abgeriegeltes eigenes Gewissen, obwohl sie sich als Institution und Instanz immer mehr um das Gewissen ihrer Gläubigen gekümmert hat. Schweigen ist in diesem Fall Mittäterschaft, Kollaboration in ihrer ärgsten Form.

„Wenn Führer ins Wanken geraten, strauchelt das Volk”, schreibt Torfs. Wir dürfen das inzwischen im übertragenen Sinne korrigieren zu: „Wenn das Volk spricht, geraten die Führer ins Wanken”.

Es ist nur noch die Frage, wann in Flandern endlich jemand zu sprechen beginnt.

„Eine Frage der Zeit”, sagt mein Landsmann und bleibt gerne noch ein wenig sitzen. Ich auch. Ein Jesuit und ein Ignostiker, beladen mit demselben Problem, im Ausland darüber besorgt, was zu Hause noch nicht einmal begonnen hat. Wartend auf den Ersten. Denn Statistik kann man zwar leugnen, aber nicht untergraben, nicht interpretieren.

„Wer kniet, erhebt sich, um jene, die nicht knien, zu erniedrigen”, zitiere ich Torfs.

Wir beschlossen beide, vor niemandem mehr zu knien.

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