Tagarchief: Kolumne

Der Papst zwischen Himmel und Erde

Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und wollte so schnell wie möglich in mein Zimmer. Spät nachmittags in Rom. Auf den letzten Drücker hatte ich noch ein Hotel nicht allzu weit vom Petersplatz gefunden. Jeder, der sich dieser Tage – aus welchem Grund auch immer – in der Umgebung des Vatikans aufhält, wird feststellen, dass die Tourismusbranche in Italien noch keine Krise kennt. Ich wusste, dass das vier mal vier Meter große Zimmer seinen Preis nicht wert ist, aber was tut ein Mensch nicht alles für einen Artikel.

Als der schmale Aufzug mit einem knirschenden Ruck zwischen zwei Stockwerken stehenblieb, hörte ich den Mann hinter mir „Scheiße“ sagen. Ich blickte mich flüchtig um, suchte aber schnell die Notruftaste und drückte. Es ertönte ein einziges, dumpfes Klingelsignal, das mich an die Straßenbahn 7 erinnerte, die mich in Gent zur Schule brachte und genauso klingelte, bevor sie die Haltestelle verließ. Ein einziges Klingelsignal, irgendwo unter uns, hoffentlich nahe genug bei dem dicken Mann hinter der kleinen Rezeption, der eben noch in aller Ruhe seine Zeitung las.

Ich drehte mich um und sah jemanden, der mir hier im fernen Rom nicht unbekannt vorkam. Dieses weiße Haar, das heisere, hohe „Scheiße”, sein Alter, „Herr Ratzinger?“, fragte ich auf gut Glück. Nun ja, Glück, ich sehnte mich dieser Tage nicht unbedingt nach dem Papst, ich hatte den ganzen Tag ein langes Gespräch mit jemandem geführt, der nicht so begeistert von ihm war, und das hinterlässt natürlich auch Spuren.

Als jemand etwas von unten herauf rief, lachte der Mann kurz und sagte auf Deutsch: „Er schickt einen Techniker, aber es ist viel Verkehr. Ich hoffe, Sie haben keinen wichtigen Termin.“ Den hatte ich allerdings, nämlich mit einem dünnen, hellbraunen Wasserstrahl aus dem kleinen Duschkopf und mit der harten Matratze samt schmuddeliger Bettdecke.

„Roel“, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. „Joseph“, sagte er und schüttelte sie etwas schwabbelig und zu lang. Als ich ihn fragte, ob er der Doppelgänger sei, murmelte er, dass ein Papst nicht lügen darf. Er zeichnete mit seinem Daumen ein Kreuz auf die vier Holzwände der Kabine. „Beichtgeheimnis“, sagte er, „ich bin auf dem Weg zu meiner Frau in Zimmer 31. Sie ist kurz aus Deutschland gekommen, damit wir uns mal wieder unterhalten, und weil Ursula immer den Mund weit aufreißt und der Vatikan seine Ohren überall hat…“

„Das Beichtgeheimnis hat für mich keine Bedeutung“, sagte ich. „Trotzdem“, antwortete er auf der Suche nach einem Funken Unsicherheit, einem Zeichen des Vertrauens, oder etwas, das man dafür halten könnte. Ich musste mich kurz anlehnen, schärfte meinen Blick und zermarterte mir das Hirn… ich wurde hier garantiert zum Narren gehalten.

„Ihre Frau?“, fragte ich. „Ja, sie stand heute auf dem Petersplatz, ich sah sie in den Nachrichten zwischen all den anderen Priesterfrauen, die für ihre Rechte protestierten. Ich hatte sie zwar gebeten, es nicht zu tun, aber wer bin ich schon?“ Er rümpfte die Nase, dann fragte er: „Und was führt Sie nach Rom? Ihre Gläubigkeit oder Ihre Ungläubigkeit? Stört es Sie, wenn ich mich setze?“

Er klappte einen Stuhl an der anderen Aufzugswand herunter und ließ sich fallen, wie ein alter, übermüdeter Mann das so macht, mit einem tiefen Seufzer nach dem Setzen. „Im schwarzen Anzug, so ganz ohne Ornat, könnten Sie jeder sein, wäre es nicht, dass Sie in den letzten Monaten immer wieder in die Schlagzeilen waren“, sagte ich. Er sah mich mit wässrigem Blick an und nickte. „Ich vermisse den Schatten“, sagte er leise, „die Düsternis meines Studierzimmers und meine Bücher. Wie viel hält ein alter Geistlicher wie ich noch aus? Österreicher?“, fragte er.

„Flame in Wien“, antwortete ich und ließ mich auf dem Boden nieder. Schnell stand ich wieder auf, ich wollte nicht aufblicken müssen, dafür fehlte mir der Respekt. Als ich nach kurzem Schweigen nochmals auf den gelben Knopf drückte, begann er zu lachen. „Das hilft nichts, alles nimmt seinen Lauf, daran können Sie nichts ändern, und noch nicht einmal ich.“

„Es ist dieses ‚noch nicht einmal ich‘, das Sie verwenden, in dem das ganze Problem begründet ist“, sagte ich, „ich hoffe, Sie verstehen das.“ Er dachte kurz nach. „Ich spüre, dass Sie mich nicht mögen, und dafür haben Sie wahrscheinlich gute Gründe, aber können wir einander nicht duzen, der Raum ist zu klein für ein ‚Sie‘, mit diesem ‚Sie‘ verbrauchen wir noch den ganzen Sauerstoff.“ In Gedanken schrieb ich das niederländische Wort für Papst in meiner nächsten Kolumne mit einem kleinen ‚p‘, dieser Gedanke gefiel mir, ich hätte es früher tun sollen. „Ich verstehe den Hass, glaube mir, ich verstehe den Hass, den ich auf diesem Quadratmeter gemeinsam mit dir einatmen muss.“ Der Papst hatte nicht auf meine Antwort gewartet, vielleicht machen Päpste so etwas nicht, aus Angst, dass ihnen die Antwort nicht gefällt.

„Sie sagen, dass Sie den Hass verstehen“, meinte ich, „warum hören wir das dann nicht? Wo bleibt der laute Aufschrei der Empörung, der Wutausbruch, der zu Handlungen führt? Wo bleibt die neue Bescheidenheit, die Reform, nach der die Kirchenbasis verlangt? Wo bleibt eine glaubwürdige, vollständige Säuberung des Apparats, dessen Oberhaupt Sie sind? Wo bleibt die Antwort auf die Fragen der Überlebenden?“

Er rutschte, sichtlich unwohl, hin und her, holte eine Nicorette aus seiner Westentasche und bot mir eine an. „Ich kenne das Leid der Opfer, über das du sprichst“, antwortete er und schluckte ein wenig überflüssigen Speichel hinunter. „Das kennen Sie nicht.“ Das Duzen gelang mir nicht. „Es sind Überlebende“, sagte ich, „denn die Opferrolle haben Sie sich selbst zugewiesen, indem Sie versucht haben, zu erklären, wie es so weit kommen hatte können, und dafür um Verständnis ersuchten haben, indem Sie über ‚andere Zeiten‘ gesprochen haben, indem Sie versucht haben, das Gewicht der Kirche zu minimieren, und behauptet haben, dass es in den Familien viel schlimmer zugeht, viel häufiger vorkommt, dass es also in Ihrer Kirche noch gar nicht so arg ist. Indem Sie keine konkreten Vorschläge für Entschädigungen formuliert haben, indem Sie die Untersuchung aller Fälle kircheneigenen Kommissionen übertragen haben, indem Sie keine Einsicht in alle Akten gewähren und Täter nicht in angemessener Form aus der Kirche entfernen.

„Ich habe mit Opfern gesprochen“, sagte er lauter. „Aber haben Sie auch zugehört?“, fragte ich. Er fragte zurück, ob ich denn genau wüsste, was sie wollen. Ob ich eine klare Tendenz erkennen könnte, welche Hilfe sie wollen. Ich nahm ein doppelt gefaltetes Blatt aus meiner Innentasche und gab es ihm. Er holte eine Brille hervor und begann zu lesen. „Entschuldigungen des Papstes als Oberhaupt der Kirche“, er las leise weiter. Dann wieder laut: „Entschuldigungen des Papstes als Staatsoberhaupt des Vatikans“, gefolgt von Stille, „Veröffentlichung aller Akten“, mhm, „Kirchenrecht untergeordnet…“, „nichtklerikale Beschwerdestelle unter der Kontrolle eines Gerichts…“, er las ungefähr fünf Minuten leise weiter. Dann faltete er das Blatt sorgfältig an den Faltlinien zusammen und steckte es ohne zu fragen in seine Innentasche. Er wunderte sich, dass ihm niemand je zuvor eine solche Liste gegeben hatte. „Wann haben Sie jemals darum gebeten?“, fragte ich.

„Und wie viele Beschwerden gibt es mittlerweile in Belgien?“, erkundigte er sich und steckte seine Brille ein. „Laut meinen Daten aus allen Beschwerdestellen, auch jenen abseits der Kommission, sind es 651“, sagte ich. „Wie zählst du?“, fragte er. „Richtig“, antwortete ich. Er blickte mir lang in die Augen und senkte dann den Kopf.

Der Aufzug schoss ein Stück nach oben. „Jede noch so kleine Bewegung ist in dieser Situation willkommen“, meinte der Papst.

„So ist es mit allem. Weißt du, dass Simenon einmal mit Hitler im selben Pariser Aufzug stand?“, fragte ich.

„Ich hoffe, du ziehst daraus nicht zu viele Parallelen?“

Ich sagte, dass ich es niemals wagen würde, mich mit Simenon zu vergleichen, und obwohl er verstand, was ich meinte, streckte er seine Hand aus und seufzte: „Ich muss darüber einmal in aller Ruhe nachdenken, aber unmöglich ist deine Liste nicht.“ Ich sagte, dass er das besser nicht mit zu großer Ruhe tun sollte. Dass schon zu viel Zeit verstrichen ist und die Situation davon nicht besser wird.

„Nach der WM“, meinte er, „nach der WM, vorher bekomme ich nicht alle meine Leute zusammen, ich muss ihnen auch etwas Ruhe gönnen. Kommst du am 31. Oktober auch auf den Petersplatz demonstrieren?“ Ich erwiderte, dass ich sicher in der Nähe sein werde. „Gut, dann sehen wir einander hoffentlich noch einmal.“

Als sich die Aufzugstüren endlich öffneten, ging er weit nach vorne gebeugt den Gang entlang. An Tür 31 drehte er sich kurz um. Er holte das Papier aus seiner Innentasche und streckte es zum Abschied in die Luft. „Wann erscheint es?“, rief er.

„Vor der WM!“

Ich ließ seinen Beichtstuhl Beichtstuhl sein und nahm die Treppe in meinen Stock. Zu viel Aufzug in Rom ist für niemanden gut!

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Die töchterliche Macht

Mein ältester Augenstern plant ein Kind. Wohlüberlegt, so wie Dreißigjährige das machen, durchdacht, wie Skorpione so etwas in Angriff nehmen, emotional beladen, wie Töchter damit umgehen.

Ich bin ihr Vater. Das bedeutet also, dass ihre Entscheidung auch für mich Folgen hat. Sie hat die Macht über meinen Status, meine Position in unserer Genealogie, Sippenkunde ist ein herrliches Wort. Sie entscheidet, ob sich mein Name eine Generation nach oben verschiebt oder ruhig dort bleibt, wo er derzeit ist, an einer Stelle, an der ich mich eigentlich ausgezeichnet fühle, ich habe meinen Zweig im Stammbaum gefunden.

Ich bin plötzlich zu der ernüchternden Erkenntnis gekommen, dass eine Tochter bestimmen kann, ob und wann ihr Vater Großvater wird. Das empfinde ich als einen relativ großen Eingriff in meinen sorgsam erworbenen Platz in dieser an sich schon komplexen Gesellschaft. Dass jemand anderer, und dann auch noch jemand, der mir so wichtig ist, etwas an meiner Stelle bestimmen kann, war mir eigentlich nie bewusst. Der jahrelange Kampf gegen alles und jeden, das oder der ohne meine Zustimmung über mich bestimmen könnte, wird mit einer einfachen Tochterentscheidung vom Tisch gefegt. Machtlos ausgeliefert muss ich mich mit der Tatsache anfreunden, dass jemand anderer über meinen zukünftigen Kosenamen entscheidet (Opa, Papi, Vati, Alter), mich mit Konnotationen und Attributen überhäuft, die dem Großvaterdasein anhaften, ein neuer Sprachgebrauch und ebensolche Erwartungen, ohne dass ich Einspruch erheben könnte. Das kannst du diesem Mann nicht antun. Dazu hat er viel zu lange gegen die Symbolik und das Vokabular angekämpft, die laut lebenswichtiger Magazine mit seinem Alter einhergehen sollen. Dieser (Noch-nicht-)Großvater ist bis zum heutigen Tage einfach Vater, also jünger, was dynamischer impliziert. Das ‚Heute‘ bestimmt meinen Alltag – ‚Morgen‘ ist noch kein Konzept. Ich kaufe kein Mountainbike, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich wüsste nicht, welche Zeit. Ich nehme nicht an Gruppenreisen mit anderen vitalen Großeltern teil und spreche nicht über Enkelkinder. Ich fahre nicht zum Golfen an die Algarve und ich spaziere nicht sorglos durch die Parks in den Cotswolds, um mich über Blumen und Bäume zu unterhalten. Ich brauche meine Stimme, um meine eigene Rasselbande zu übertönen. Ich wechsle verdammt noch mal noch jeden Tag Windeln!

Das heißt nicht, dass ich nicht auch die meiner (eventuell zukünftigen) Enkelkinder wechseln würde, wenn es sein müsste, solange sie nur nicht Opa zu mir sagen. Sobald sie hören können, bringe ich ihnen bei, mich beim Vornamen zu nennen. Angriff ist die beste Verteidigung.

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Die Gegenfrage

Ich bin auf der Suche nach einer Erklärung für ein Phänomen, das ich hier bei Freunden festgestellt habe. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht typisch österreichisch ist. Sie helfen mir sicher dabei, das herauszufinden.

Angenommen, Sie kochen Spaghetti. Die Sauce dürfen Sie selbst aussuchen, sie ist für diese Geschichte irrelevant. Sie stehen am Herd und sinnieren über dem kochenden Wasser, rühren ab und zu die Nudeln um, als plötzlich Ihre Partnerin oder Ihr Partner hereinkommt. Sie sagen, dass Sie kurz noch etwas anderes tun müssen, und fragen, ob er/sie auf die Spaghetti achtgeben könnte. Kommt die Frage: „Wie lange sind die Nudeln schon im Wasser?“

Hätten Sie nicht – so wie ich – die Frage erwartet: „In wie viel Minuten müssen die Nudeln abgeseiht werden?“ Oder: „Wann sind die Spaghetti fertig?“

Jemand, der erstere Frage stellt, muss noch schnell rechnen. Der zweite Typ von Antwort erfordert nur einen Blick auf die Uhr, und schon ist alles klar.

Dieses Beispiel ist natürlich nur ein Fingerzeig, das werden Sie verstanden haben. Ich gebe noch eines. Die Frau des Arztes ruft ihren Mann an und fragt, wann er zum Essen kommt. Der Arzt antwortet, dass er seinen letzten Patienten um halb sieben hat. Echte Kommunikation kann man dieses kurze Gespräch nicht nennen. Hätte die Frau gefragt, wann er seinen letzten Patienten hat, hätte er sicher geantwortet: „Warum?“ Es gibt Menschen, die ihre Fragen oder auch Antworten so formulieren, dass darauf eindeutig noch eine Frage folgen muss.

„Bist du heute Abend zu Hause?“ Ich antworte dann immer mit einer Gegenfrage: „Warum?“ Welche Relevanz hat es, ob ich heute Abend zu Hause bleibe? Das möchte ich doch gerne wissen? Es geht auch anders: „Solltest du heute Abend zu Hause sein, würde ich mit einer Freundin etwas trinken gehen.“ Bitte schön, klar und deutlich, kein Missverständnis möglich.

„Warst du schon im Supermarkt?“ Da versteckt sich doch noch eine andere Frage dahinter oder spüren Sie das nicht? „Solltest du noch nicht im Supermarkt gewesen sein, kannst du dann Windeln mitbringen?“ Die Frage ist nicht, ob jemand schon im Supermarkt war, sondern Windeln sind das Thema.

Warum interessieren sich manche Menschen – wie in meinem Spaghetti-Beispiel – für die Minuten, die schon vorbei sind, und nicht für die Minuten, die noch kommen werden? Warum nimmt der Arzt an, dass seine Frau selbst ausrechnen wird, wann er zu Hause sein wird, wenn sein letzter Patient um halb sieben kommt?

Ich habe einen kleinen Test gemacht. Ich habe meine ‚Kandidaten‘ mit geschlossenen Augen von 0 bis 60 Sekunden zählen lassen. Jene Personen, die ihre Fragen erfahrungsgemäß so formulierten, dass nur eine einzige Antwort notwendig war, ohne rechnen oder nachdenken zu müssen, zählten immer zu schnell. Die anderen brauchten immer viel länger als eine Minute, bevor sie meinten, fertig zu sein. Irgendwo geht Zeit verloren und werden überflüssige Fragen gestellt.

Ich bin mir sicher, dass Sie inzwischen bereits wissen, zu welcher Kategorie Sie gehören. Sie brauchen nur versuchen, mit geschlossenen Augen 60 Sekunden abzuzählen.

Ich muss das auf jeden Fall nächstes Mal auch in Gent austesten, oder Sie in Athen, Denpasar, Oslo, Paris…

 

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