Morgen wissen wir mehr…

Ich kannte Harry nicht. Und er kannte mich nicht. Er lag auf dem Gehsteig meiner Straße, bleich, nein, eher grau, und verstört, er sprach nicht und sein Kopf blutete.

Ich hatte einen schönen Nachmittag gehabt, hatte Freunde mit einer tollen Idee für einen neuen Film getroffen, das Wetter war mild und die Begeisterung über das Projekt so aufwühlend wie das Glas Wein, das wir darauf tranken. Zu Hause warteten die Kinder auf ihr Abendessen, ich spazierte glückselig um die Straßenecke und stolperte sozusagen über Harry.

Eine Nachbarin, die mit ihrem Enkelkind im Buggy unterwegs nach Hause war, versuchte, mit Harry zu sprechen. Ich bat sie, die Rettung zu rufen. Harry murmelte, dass er nur noch ins Bett wolle. Dass das Krankenhaus keine Lösung sei. Er würde stundenlang vergessen werden und schließlich wieder mit dem Taxi nach Hause fahren müssen. Harry hatte Erfahrung. Er hielt sich halb im Liegen krampfhaft am Türgriff eines alten Autos fest, um nicht hinzufallen. Er musste circa siebzig sein und war schweißnass. Wir holten ein Glas Wasser, das er in einem Zug austrank. Ich stellte mich hinter ihn, damit er sich mit seinem Rücken an meine Beine lehnen konnte. Er sagte, es wäre nicht unangenehm. Kein Wiener würde je sagen, dass etwas angenehm sei. Ich sprach mit ihm. Ich erklärte ihm, dass ich nicht aus Ungarn käme, als er mich ansah und meinen Akzent einzuordnen versuchte, sondern aus Belgien.

Und duzt sich in Belgien jeder? Ich antwortete, dass wir es mit der Höflichkeitsform etwas weniger genau nehmen, weil es uns um die Menschen geht, dass wir den Weg etwas kürzer machen, um einander zu erreichen und zu verstehen. Sicherlich in einer Situation wie dieser.

Er wandte sich ab. Ich sah, wie seine Augen nach oben rollten und sein Körper an meinen Beinen schwach wurde. Ich hockte mich nieder und drückte ihn nach vorne, setzte mich hinter ihm auf den Gehsteig, er saß zwischen meinen Beinen und lag in meinen Armen. Ich sprach mit ihm, ich machte Witze und stellte ihm Fragen. Ob er alleine wohne? Dass es drei Belgier bräuchte, um ihn nach oben zu tragen. Dass kein Flame jemals einen Österreicher drei Stockwerke nach oben tragen würde, auch wenn er darum gebeten würde.

Er war einmal in Brüssel gewesen. Er kam langsam zu Bewusstsein, als er das sagte. Brüssel hatte er teuer gefunden, aber mich fand er nett. Er hatte bereits zwei Herzoperationen hinter sich und litt an Diabetes. Er ergriff meine Hand und drückte sie an seine Wange. Bring mich nach oben, bring mich ins Bett. Er glitt wieder weg. Ich konnte ihn kaum in den Armen halten.

Ich roch keinen Alkohol, ich sah nur einen alten Mann, der alleine war, zusammengesunken auf dem Gehsteig. Er wohnte alleine, seine Frau war vorigen Monat gestorben. Er wohnt neben mir, eine halbe Straße weiter, und ich kenne Harry nicht.

Ob ich bei ihm bleiben wolle und ihn ins Bett bringen könne? Seine Lippen waren grau, seine Haut wurde immer fahler. Ich sprach über unsere Straße, die Menschen, das Leben, ich versuchte, locker zu sein und meine Angst zu verbergen, fünfundzwanzig Minuten sind lange für jemanden, der auf Hilfe wartet. Andere Menschen würden beten, ich summte und hoffte. Dass die Rettung schnell kommen und ihn versorgen würde, so wie es sich gehört. Er küsste meine Hand und fragte noch einmal, ob ich ihn in sein Bett bringen könne. Ich versuchte, ihn hochzuziehen, aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte. Ich flüsterte in sein Ohr, dass alles wieder gut werden würde. Er erschlaffte wieder. Ich wünschte mir, dass er sich einfach entspannte, ich konnte sein Gesicht nicht sehen.

Der Arzt kam mit drei Sanitätern, einer Tragbahre und einem Defibrillator. Ich half ihnen, Harry auf die Bahre zu legen, und sagte ihm noch, dass alles in Ordnung sei. Er ließ meine Hand nicht los, und ich werde seinen Blick niemals vergessen. Er spürte die Routine, er wusste, dass er ausgeliefert war und nicht mehr zurück konnte. Der Arzt bedankte sich bei mir, wie man sich bei jemandem bedankt, der den Weg frei macht, um einen vorbeizulassen. Keine Frage, kein Wort, keine Emotion. Mein eigener Vater starb, als ich neunzehn war. Ich war nicht bei ihm, er lang nicht in meinen Armen.

Ich hätte Harry einfach ins Bett tragen und bei ihm bleiben sollen. Ich hätte ihm ersparen müssen, was ihn erwartete, seine Hand nehmen müssen, sprechen, Witze machen, vielleicht sogar singen oder summen, einfach bei ihm sein.

Ich warte auf Nachricht und gehe nicht schlafen. Denn ich kenne Harry jetzt, und er kennt mich.

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